Cloudy’s Column: “What is Heimat in English?”

heimat
Neulich beim englischen Smalltalk:
“So, where do you come from?”
 “Well, I was born in Sweden, lived in Germany, France and the US until I was 17, studied in London, travelled around for a bit and now am living in Berlin.” 
“Oh wow, so what would you consider home?” 
“Um…I don’t have a home, I guess.”
“No, but I mean, where to you feel homey, which country do you consider your home country…”
 (Ich schaue mich hilfesuchend im Raum um) “Oh dear, what does Heimat in English mean?”
Heimat. Ein schönes Wort, so oft gebraucht und doch nicht greifbarer als morgendliche Nebelschwaden. Was ist Heimat? Nehmt euch eine Minute, denkt darüber nach und wenn ihr eine genaue Definition habt, postet sie JETZT als Kommentar. BÄM! In meinem Köpfchen erschließt sich mir das nicht so schnell. Womöglich ist die Antwort auch nicht so einfach, weil sie auch darauf basiert, wer überhaupt fragt. Für einen Nicht-Europäer wäre meine Antwort Deutschland. Für einen Deutschen wäre meine Antwort der Schwarzwald. Für einen Süddeutschen wäre meine Antwort Lahr. Doch was ist die Antwort für mich? Was macht für mich Heimat aus? Und wie steht es um die globalisierungsgeprägten Menschen, die ihre Wohnorte nicht mehr an einer Hand abzählen können? Sind diese Leute etwa heimatlos?
Heimat ist für mich der Ort, an dem ich aufgewachsen bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe. Wenn ich die Augen schließe, verliere ich nicht die Orientierung. Ich kenne mich aus, kenne die Landschaft, die Stadt, die Architektur und fühle mich dadurch sicher. Die eingeatmete Luft ist rein und alles riecht nach Erinnerungen und einfach eben so wie ich es kenne. Heimat ist für mich ein Ort.
Heimat sind für mich Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. So vieles hat mich geprägt und mich so geformt, dass aus mir der Mensch entstanden ist, der ich heute bin. Es sind die Erinnerungen an Gerüche, Geräusche und Gedanken, die mich über so lange Zeit begleiteten. Erinnerungen an erste Fahrradfahrversuche, heimliche Zaunkletteraktionen um umsonst in das Schwimmbad zu gelangen, tägliche Tanzstunden in der gewohnten Umgebung des Wandspiegels, wunde Hände von den Arbeiten am Baumhaus, tagelange Ausritte mit den Pferden durch die Tiefen des Schwarzwalds, stundenlange Spaziergänge mit dem Hund, mit Kreide beschmierte Straßen und somit auch Kleidung, hartes Leichtathletik Training in dem aufgeheizten Stadium. Aber auch an viele Momente, in denen von Herzen geweint und gelacht wurde.Heimat sind für mich die Erinnerungen an womöglich jede Emotion, die man verspüren kann.
Heimat sind für mich die Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet haben und mich ihren begleiten ließen. Heimat sind meine Eltern, die ich über alles liebe und die für mich immer die Verkörperung meines Zuhause darstellen, sowie meine ganze Familie. Aber auch langjährige Freunde, die beim kindischen Grenzenaustesten ebenso wie jugendlichem Gefühlschaos an meiner Seite standen, mich umarmten und mit mir stritten, mir einen Schubser gaben wenn ich drohte stehen zu bleiben und mich stoppten, wenn mein Temperament mit mir durchzugehen schien. Heimat sind für mich die Menschen, ohne die ein Ort nicht lebenswert wäre.
Für mich ist Heimat somit eine Verbundenheit zu und eine Verwurzelung mit dem Ort, den Erinnerungen, den Gefühlen und den Menschen. All dies blieb für mich an einem Fleckchen Erde, bis ich meine Sachen packte und davonzog, in die große weite Welt. Seit sechs Jahren lebe ich nun an einem anderen Fleckchen, meine Heimat ist sie trotzdem nicht. Für mich wird es wohl keine andere wahre Heimat als Lahr, meine Familie und meine Freunde geben. Dennoch schließe ich nicht aus, dass ich mich irgendwann irgendwo auf dieser Welt heimatlichen fühlen werde, was den Ort an sich betrifft. Denn immerhin fühle ich mich auch mit Menschen heimisch, die ich erst zu meiner Studienzeit getroffen habe und die somit nicht Teil meiner Lahrer Heimat waren.
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Ist es denn nicht eigentlich so, dass jeder Mensch seine Heimat für sich bilden kann? Gerade da Heimat so ein schwammiges Wort ist und somit jeder es für sich selbst mit einem Ort, Erinnerungen, Menschen und Gefühlen füllen kann? Sollte der Duden nicht den Hinweis, dass ein Plural dieses Begriffes unüblich ist, eliminieren und einfach die Heimaten als legitimierte Pluralform auflisten?
Fakt ist doch: In Zeiten der Globalisierung, in denen uns die Welt zu Füßen liegen scheint und die unbekanntesten Orte zu neuen Places-to-be gemacht werden, sehnen wir uns immer mehr nach einem Ort, an dem wir unbeschwert selbige Füße hochlegen und uns im Flohmarktschaukelstuhl in Sicherheit wiegen können. Immer mehr Menschen richten sich ihr eigenes heimeliges Heim ein: In dem sie sich wohl fühlen; sich nackig ausziehen und mit der Zahnbürste im Mund durch die Gegend tanzen können; bei dem Freunde wissen, dass man einen dort vorfinden kann; in dem wir sein können wie wir sind, mit all’ unseren Facetten. Mit der Weite der Weltoffenheit und Entscheidungsfaulheit, die durch den Überfluss an zu tätigen Entscheidungen hervorgerufen wird, brauchen wir einen Platz, der uns vor der Außenwelt schützt und an dem wir machen können was wir wollen. Manchmal müssen wir Theodor Fontane zustimmen, wenn er sagt, dass uns erst die Fremde lehrt, was wir an der Heimat besitzen. Somit ist es völlig in Ordnung, dass wir manchmal erst in die Welt eintauchen müssen, um herauszufinden, wo unsere Heimat liegt um dann zu ihr zurückzuschwimmen.
Was Heimat für euch bedeutet, das weiß ich nicht. Gerne könnt ihr mir eure Gedanken hierzu in der Kommentarbox hinterlassen. Ich für mich halte es mit UBI BENE IBI PATRIA - Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland. Bis es mir allerdings an einem Flecken Erde völlig gut geht, das dauert. Denn für ein heimatliches Gefühl braucht es bei mir nicht nur die Stadt, den Wohnort und den Beruf, sondern vor allem Erinnerungen und Gefühle, die ich mit liebenswerten und geliebten Menschen teile. Heimat ist erst dann für mich Heimat, wenn es ein Ort ist, an den ich immer wieder gerne zurückkehre, weil mich mein Herz dort hinschickt. Home is where the heart is…
 
  • EMO

    “Home” ist nicht die richtige Übersetzung. Ein “home” also ein zuhause kann man finden, sich neu aussuchen. Im französichen gibt es “la patrie”, das Vaterland, das Land in dem man geboren/aufgewachsen ist. Auch das ist keine Entsprechung.

    Heimat kann man sich nicht aussuchen und die Heimat ist auch kein politisches Zufallsgebilde. Die Heimat ist der Ort oder die (Mikro-)Kultur die einen zu dem gemacht hat was man ist.

    Mein zu hause ist Berlin, da schlägt mein Herz, da bin ich sesshaft. Mein Vaterland ist Deutschland (auch wenn ich in Polen geboren bin). Meine Heimat ist die Pfalz. Mit ihren Bächen und Hügeln, ihrer deftigen Leberwurst und jungem Wein und Zwiebelkuchen im Herbst. Mit entspannten Menschen, die sich nicht viel für die Welt interessieren, wo man “babbeln” sagt wenn man “reden” meint und wo der Bus in Stadt über eine Stunde braucht und nur 3 mal am Tag fährt :)

    Ein Freund von mir ist in Frankfurt geboren und aufgewachsen, seine Eltern haben aber marokkanische Wurzeln. Als er das erste mal in Marokko war, so erzählte er mir, wusste er das erste mal, was Heimat ist und v.a. was seine Heimat ist, nämlich Marokko.

    In anderen Sprachen gibt es einfach keine Entsprechung, dafür muss man die deutsche Sprache einfach lieben.